Wir machen Theater
„So“ heißt das Theaterstück, das am 13. Oktober 2011 im Gallus Theater Frankfurt Uraufführung hatte. Die Premiere und zwei weitere Aufführungen waren ausverkauft.
Das Jobcenter Frankfurt ist seit Frühjahr dieses Jahres einen neuen Weg gegangen. Dr. Maria Böhm vom Team Jobs für best!agers, das Arbeitslose über 50 berät, hatte die Idee des Theaterprojektes und langjährige Erfahrungen mit dieser Art von künstlerischen Projekten. In Kooperation mit dem Regisseur Wolfgang Spielvogel vom Frankfurter Autoren Theater bekamen schließlich 25 Arbeitsuchende über 50 Jahre die Möglichkeit, im Theaterprojekt mitzuwirken. Die Bereitschaft zur Mitarbeit war von Anfang an groß, aber auch die Angst vor dem öffentlichen Auftritt. Grund war weniger das Lampenfieber als vielmehr die Scham, als „Hartz-IV-Empfänger“ disqualifiziert zu werden. Sie gestalteten eigene Masken und zeigten sich anfänglich nur hinter den Masken.
Sie erzählten sich ihre Geschichten, lernten sich gegenseitig vertrauen und wuchsen so zum Ensemble „Psst ...“ heran. Vor dem Hintergrund ihrer reichhaltigen persönlichen Geschichten und ihrer beruflichen Werdegänge schrieb Wolfgang Spielvogel das Stück „So“. „So“ steht für Lebenseinschnitte, das scheinbar kleine „so“ für Kleinheit und Enge, für Übersehen werden und Angst, das wahrgenommene „So“ für Vielfalt, Reichtum und Größe. Die Transformationen im Stück spiegeln Transformationen der Teilnehmer im Theaterprojekt wieder: „Ich merke, dass ich über 50 bin. Ich spüre es am ganzen Leib und tiefer. Warum? Weil ich noch vor 20 Jahren total zu begeistern war. Und heute nur Müdigkeit, Zweifel, Ängste“, sagt ein Schauspieler im Stück. Der Gleiche im realen Leben: „Jetzt bin ich wieder ein anderer Mensch. Ich spüre Verantwortung. Es hat mich gepackt.“
Um die Aufführungen zu meistern, wurde mit Hingabe geprobt. Ganz nebenbei entwickelten sich Freundschaften, gegenseitige Anerkennung und Respekt vor fremden Kulturen, besseres Sprach- und Kommunikationsgefühl, Verantwortungsbereitschaft, höheres Selbstbewusstsein und neue Hoffnungen. Maria Böhm sieht an der Nahtstelle zwischen Leben und Kunst eine große Möglichkeit intensiver beruflicher Beratung und Vermittlung bestätigt. Zwei Teilnehmende haben bereits einen Arbeitsvertrag, andere wurden zu Vorstellungsgesprächen eingeladen, wieder andere planen den Weg in die Selbstständigkeit.
Claudia Czernohorsky-Grüneberg, Geschäftsführerin des Jobcenters Frankfurt, zeigt sich erfreut: „Wer vor mehr als hundert Menschen auf die Bühne tritt, hat sich das Selbstbewusstsein zurück erobert, ein wichtiger Schritt, um in das Berufsleben zurückzukehren.“
Stimmen aus dem Zuschauerraum
„Das Stück war aus meiner Sicht 'Kunst' und kein 'Sozialprojekt' im klassischen Sinne. Das Stück kann sich ohne Scheu als Teil der gegenwärtigen Theaterlandschaft verstehen. Es war eine eigene Kunstform durch den Umstand, dass es eben Arbeitslose, bzw. mehr noch: Hartz-IV-Empfänger (und dann noch Ältere, also ‚schwer Vermittelbare‘) waren, die sich im Stück mit sehr banalen Lebensfragen auseinandersetzten und die genau dann für alle eine Bereicherung darstellen können, wenn sie gesehen und anerkannt werden.“ Dr. Stefanie Hürtgen, Institut für Sozialforschung Frankfurt am Main
„So“ ging das Schaupiel dem Publikum unter die Haut. Die Kraft der 25 war allgegenwärtig.
Stimmen aus dem Ensemble
„Seitdem ich in Deutschland lebe, habe ich mich von den Deutschen ferngehalten! Ich war immer irgendwie überzeugt, dass das gerade der Wunsch der deutschen Gesellschaft sei. Erstaunlicherweise habe ich, seit ich in dieser Gruppe mitarbeite, mehr Deutsch gesprochen als während der vielen Jahre meines Aufenthalts davor.“ Manijeh E. (Empfangs- und Sicherheitskraft)
„Wer sind wir, was sind wir? Eine Gruppe Beschädigter, Aussortierter, aufgrund unseres Alters mit abgelaufenem Datum? Nein! Wir sind wer! Wir wollen etwas!“ Edith S. (Verlagssekretärin)
Arbeitsuchend und engagiert
Ansprechpartner: Jürgen Storm 069 / 597 68 731 oder 0163 / 705 90 08
Roland Walther, 52, Groß- und Außenhandelskaufmann, handwerklich begabt, künstlerisch und sozial interessiert, möchte sich gerne als Bürokraft engagieren.
Wegen der großen Nachfrage gibt es weitere Aufführungen:
Am 14. und 15. Dezember 2011 jeweils .um 20.00 Uhr auf dem Mainschiff „MS Carmen“, am Eisernen Steg, Reservierungstelefon 069 / 7675 2459.Das Ensemble kann für Firmenanlässe (Weihnachtsfeier, Neujahrsempfang, Personal- und Betriebsversammlungen etc.) engagiert werden. Kontakt: Dr. Maria Böhm 069 / 59768 167

