Langzeitarbeitslose renovieren Motorboot

Qualifizierungsmaßnahme „Phönix“ – Spaß an regelmäßiger Arbeit und Leistung mit eigenen Händen

Foto Brenner
Markus Brenner (39) hat keinen Berufsabschluss und war zehn Jahre arbeitslos. Er hat an der VDEF-Qualifizierungsmaßnahme „Phönix“ teilgenommen und durch seinen Einsatz bei der Renovierung eines Bootes erfahren, welche Möglichkeiten und Fähigkeiten in ihm stecken. „Als Maler und Lackierer hat er einen Superjob gemacht und eine tolle Leistung gezeigt“, bescheinigt ihm Wilfried Peschke, der Leiter des Bildungszentrums. Bis zur Schiffstaufe war Markus Brenner dabei. Inzwischen hat er das erreicht, woran er früher nicht mehr zu denken wagte: Er hat einen neuen Job gefunden und arbeitet als Maler und Lackierer.
In den Werkstatthallen des VDEF-Bildungszentrums Frankfurt sowie des Kooperationspartners inab an der Gwinnerstraße steht wieder ein Boot in einem ziemlich desolaten Zustand. Wilfried Peschke, seit 19 Jahren Leiter des Bildungszentrums, ist sich jetzt noch nicht sicher, was aus dem Wrack einmal werden soll: Blickfang und Dekorationsstück in einem Vorgarten oder ein fahrtaugliches Motorboot. Erst der Fortgang der Arbeiten an dem Bootskörper wird zeigen, ob die Substanz überhaupt gerettet werden kann. In Stralsund haben seine Kursteilnehmer das Renovierungsobjekt durch Internetrecherche ausfindig gemacht. Wilfried Peschke hat es von der Ostsee an den Main holen lassen. Langzeitarbeitslose sollen in einer Projektarbeit über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren das Beste aus dem einst guten Stück machen. Dann wird der erfolgreiche Abschluss des Projektes vielleicht wieder mit einer Schiffstaufe gefeiert – wie kürzlich, als das erste Motorboot aus den VDEF-Werkstätten auf den Namen „Calypso“ getauft wurde.
Foto Schiffstaufe
Eine ungewöhnliche Aktion für die Geschäftsführerin des Jobcenters Frankfurt: Claudia Czernohorsky-Grüneberg tauft das von Langzeitarbeitslosen mustergültig renovierte Motorboot auf den Namen „Calypso“.

Die Schiffstaufe war für Jobcenter-Geschäftsführerin Claudia Czernohorsky-Grüneberg wohl eine der außergewöhnlichsten Aktionen im Rahmen einer Qualifizierungsmaßnahme, mit der das Jobcenter das VDEF-Bildungszentrum beauftragt hatte und die sich durch viele Besonderheiten von den üblichen „Maßnahmen der Aktivierung und beruflichen Eingliederung von SGB-II-Kundinnen und Kunden“ unterscheidet. Die erste Besonderheit ist der Maßnahmeträger: VDEF steht für Verband Deutscher Eisenbahnfachschulen. Der Verband wurde bereits 1920 in Berlin gegründet, Frankfurt ist eines der bundesweit 14 Bildungszentren einer Organisation mit rund 400 hauptamtlichen Mitarbeitern und Lehrkräften, die jährlich in 2.300 Kursen über 22.000 Lehrgangsteilnehmer betreuen. Sie erhalten hier ihr Rüstzeug für Qualifikation und Aufstieg in Eisenbahnverkehrsunternehmen, Eisenbahninfrastrukturgesellschaften und verwandten Einrichtungen. Die Ausbildung von Lokführern und ihre jährliche Fortbildung z. B. ist das Kerngeschäft des VDEF.
Mit Gründung des Frankfurter Jobcenters im Jahr 2005 hatte Wilfried Peschke die Idee eines Engagements bei der Betreuung von Langzeitarbeitslosen und konzipierte die seither laufende Qualifizierungsmaßnahme „Phönix“. Das Ziel sieht er darin: „Die Langzeitarbeitslosen sollen wieder Freude an regelmäßiger Arbeit bekommen und mit eigenen Händen etwas schaffen. Außerdem gewöhnen sie sich so wieder an einen geregelten Tagesablauf.“ Diplom-Sozialpädagoge Thomas Murawski vertritt als Betreuungskonzept den Grundsatz, die Teilnehmer abzuholen und einzubinden, sie nicht zu reglementieren und zu sanktionieren, um ihnen wieder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu vermitteln.
Foto
Vielleicht wird aus diesem Körper eines Bootes, das seine besseren Zeiten einmal an der Ostsee erlebt hat, ein Motorboot mit dem Namen „Calypso II“, vielleicht landet er aber auch nur als dekorativer Blickfang in einem Vorgarten. Langzeitarbeitslose kümmern sich unter der Anleitung der erfahrenen Meister Arnold Beeg (2. v. l.) und Georg Weimer (3. v. l.) um das Renovierungsobjekt.

In vier Arbeitsfeldern werden den Teilnehmerinnen und Teilnehmern für die Dauer von maximal zwölf Monaten Qualifizierungsmodule angeboten: Einmal werden sie im kaufmännischen Bereich an die Grundlagen von EDV, Kommunikation, Organisation und allgemeiner Büroarbeit herangeführt. Sodann können sie im Bereich Gastronomie ein einschlägiges Praxistraining erhalten. Unter der Leitung von Hauswirtschaftsmeisterin Anett Baar betreibt das Bildungszentrum dafür ein internes Bistro. Bei der gewerblich-technischen Fachunterweisung sind die beiden Bereiche Metall und Holz vorgesehen, in denen die Arbeitsmethoden und handwerklichen Grundtechniken in Theorie und Praxis vermittelt werden. Der Charme der vier parallelen Module liegt in der Möglichkeit, die eigenen Stärken in verschiedenen Feldern zu erkunden.
Ein Team aus insgesamt 24 Langzeitarbeitslosen hat bei der Grundinstandsetzung des Bootes Tag für Tag den Fortschritt der eigenen gemeinsamen Arbeit gesehen und erfahren und dabei erlebt, wie durch handwerkliches Geschick ein wrackänlicher Bootskörper, von dem noch nicht einmal Konstruktionspläne existierten, zu einem wassertauglichen und fahrfähigen Motorboot hergerichtet werden kann. Die Bootsrenovierung war auch herausforderndes Neuland für die in den Bereichen Holz und Metall erfahrenen, mit einer guten Werkstatt und modernen Werkzeugen und Maschinen ausgestatteten Ausbilder des VDEF. Viele Unwägbarkeiten haben sie durch Improvisation gemeistert – bis dann die Mainwasserung am Eisernen Steg den Erfolg besiegelte.
Foto Peschke
Wilfried Peschke, Leiter des VDEF-Bildungszentrums Frankfurt, ist stolz auf die gelungene Restaurierung. Inzwischen hat das Motorboot „Calypso“ einen Käufer gefunden – der Erlös dient gemeinnützigen Zwecken.

Noch während der Dauer der Qualifizierungsmaßnahme fanden fünf der langzeitarbeitslosen Teilnehmer, die meisten von ihnen ohne Berufsabschluss, einen neuen Job. Wilfried Peschke bemerkt mit Stolz, dass zwei Absolventen in seinem Bildungszentrum dann zu Lokführern ausgebildet wurden und dauerhaft eine reguläre Anstellung im neuen Beruf gefunden haben. Auch die noch nicht Vermittelten sind gut gerüstet, nicht nur durch erlernte Fertigkeiten oder durch das erfahrene Bewerbungstraining, sondern vor allem durch den Gewinn an Mut und Selbstvertrauen, mit dem sie die Dinge neu angehen können.