Langzeitarbeitslose renovieren Motorboot
Qualifizierungsmaßnahme „Phönix“ – Spaß an regelmäßiger Arbeit und Leistung mit eigenen Händen
In den Werkstatthallen des VDEF-Bildungszentrums Frankfurt sowie des Kooperationspartners inab an der Gwinnerstraße steht wieder ein Boot in einem ziemlich desolaten Zustand. Wilfried Peschke, seit 19 Jahren Leiter des Bildungszentrums, ist sich jetzt noch nicht sicher, was aus dem Wrack einmal werden soll: Blickfang und Dekorationsstück in einem Vorgarten oder ein fahrtaugliches Motorboot. Erst der Fortgang der Arbeiten an dem Bootskörper wird zeigen, ob die Substanz überhaupt gerettet werden kann. In Stralsund haben seine Kursteilnehmer das Renovierungsobjekt durch Internetrecherche ausfindig gemacht. Wilfried Peschke hat es von der Ostsee an den Main holen lassen. Langzeitarbeitslose sollen in einer Projektarbeit über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren das Beste aus dem einst guten Stück machen. Dann wird der erfolgreiche Abschluss des Projektes vielleicht wieder mit einer Schiffstaufe gefeiert – wie kürzlich, als das erste Motorboot aus den VDEF-Werkstätten auf den Namen „Calypso“ getauft wurde.
Die Schiffstaufe war für Jobcenter-Geschäftsführerin Claudia Czernohorsky-Grüneberg wohl eine der außergewöhnlichsten Aktionen im Rahmen einer Qualifizierungsmaßnahme, mit der das Jobcenter das VDEF-Bildungszentrum beauftragt hatte und die sich durch viele Besonderheiten von den üblichen „Maßnahmen der Aktivierung und beruflichen Eingliederung von SGB-II-Kundinnen und Kunden“ unterscheidet. Die erste Besonderheit ist der Maßnahmeträger: VDEF steht für Verband Deutscher Eisenbahnfachschulen. Der Verband wurde bereits 1920 in Berlin gegründet, Frankfurt ist eines der bundesweit 14 Bildungszentren einer Organisation mit rund 400 hauptamtlichen Mitarbeitern und Lehrkräften, die jährlich in 2.300 Kursen über 22.000 Lehrgangsteilnehmer betreuen. Sie erhalten hier ihr Rüstzeug für Qualifikation und Aufstieg in Eisenbahnverkehrsunternehmen, Eisenbahninfrastrukturgesellschaften und verwandten Einrichtungen. Die Ausbildung von Lokführern und ihre jährliche Fortbildung z. B. ist das Kerngeschäft des VDEF.
Mit Gründung des Frankfurter Jobcenters im Jahr 2005 hatte Wilfried Peschke die Idee eines Engagements bei der Betreuung von Langzeitarbeitslosen und konzipierte die seither laufende Qualifizierungsmaßnahme „Phönix“. Das Ziel sieht er darin: „Die Langzeitarbeitslosen sollen wieder Freude an regelmäßiger Arbeit bekommen und mit eigenen Händen etwas schaffen. Außerdem gewöhnen sie sich so wieder an einen geregelten Tagesablauf.“ Diplom-Sozialpädagoge Thomas Murawski vertritt als Betreuungskonzept den Grundsatz, die Teilnehmer abzuholen und einzubinden, sie nicht zu reglementieren und zu sanktionieren, um ihnen wieder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu vermitteln.
In vier Arbeitsfeldern werden den Teilnehmerinnen und Teilnehmern für die Dauer von maximal zwölf Monaten Qualifizierungsmodule angeboten: Einmal werden sie im kaufmännischen Bereich an die Grundlagen von EDV, Kommunikation, Organisation und allgemeiner Büroarbeit herangeführt. Sodann können sie im Bereich Gastronomie ein einschlägiges Praxistraining erhalten. Unter der Leitung von Hauswirtschaftsmeisterin Anett Baar betreibt das Bildungszentrum dafür ein internes Bistro. Bei der gewerblich-technischen Fachunterweisung sind die beiden Bereiche Metall und Holz vorgesehen, in denen die Arbeitsmethoden und handwerklichen Grundtechniken in Theorie und Praxis vermittelt werden. Der Charme der vier parallelen Module liegt in der Möglichkeit, die eigenen Stärken in verschiedenen Feldern zu erkunden.
Ein Team aus insgesamt 24 Langzeitarbeitslosen hat bei der Grundinstandsetzung des Bootes Tag für Tag den Fortschritt der eigenen gemeinsamen Arbeit gesehen und erfahren und dabei erlebt, wie durch handwerkliches Geschick ein wrackänlicher Bootskörper, von dem noch nicht einmal Konstruktionspläne existierten, zu einem wassertauglichen und fahrfähigen Motorboot hergerichtet werden kann. Die Bootsrenovierung war auch herausforderndes Neuland für die in den Bereichen Holz und Metall erfahrenen, mit einer guten Werkstatt und modernen Werkzeugen und Maschinen ausgestatteten Ausbilder des VDEF. Viele Unwägbarkeiten haben sie durch Improvisation gemeistert – bis dann die Mainwasserung am Eisernen Steg den Erfolg besiegelte.
Noch während der Dauer der Qualifizierungsmaßnahme fanden fünf der langzeitarbeitslosen Teilnehmer, die meisten von ihnen ohne Berufsabschluss, einen neuen Job. Wilfried Peschke bemerkt mit Stolz, dass zwei Absolventen in seinem Bildungszentrum dann zu Lokführern ausgebildet wurden und dauerhaft eine reguläre Anstellung im neuen Beruf gefunden haben. Auch die noch nicht Vermittelten sind gut gerüstet, nicht nur durch erlernte Fertigkeiten oder durch das erfahrene Bewerbungstraining, sondern vor allem durch den Gewinn an Mut und Selbstvertrauen, mit dem sie die Dinge neu angehen können.

