„Es geht wieder bergauf“

Bernd Ehinger, Präsident der Handwerkskammer Rhein-Main Frankfurt

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Bernd Ehinger,
Jg. 1944, Präsident der Handwerkskammer Rhein-Main, ist Meister im Elektroinstallateur-Handwerk (1967) und seit Jahrzehnten vielfältig in den Standesorganisation auf Stadt-, Landes- und Bundesebene ehrenamtlich engagiert, auch als Präsident des Hessischen Handwerkstages (HHT) und der Arbeitsgemeinschaft der Hessischen Handwerkskammern (ARGE) sowie als Mitglied des Präsidiums des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH). Er ist darüber hinaus Aufsichtsratsmitglied der Eintracht Frankfurt Fußball AG.

Herr Ehinger, der Fachkräftemangel darf nicht zur Wachstumsbremse werden – das war eine zentrale Botschaft, bevor die Krise kam.  Daraus folgen zwei Fragen:

Erstens: Ist die Krise jetzt vorüber?

HWK-Präsident Bernd Ehinger:
Vorüber ist die Krise noch nicht, nein. Und es wird wohl noch eine Weile dauern, bis sich die Wirtschaft wieder erholt hat. Aber es geht bergauf. Um das mit Zahlen zu belegen: Laut Konjunkturbericht der Handwerkskammer Rhein-Main beurteilen 22, 4 Prozent, also fast ein Viertel aller Handwerksbetriebe die derzeitige allgemeine Geschäftslage mit gut – im Vorquartal waren es nur 17,5 Prozent.

Zweitens: Gilt die Kernaussage zum Fachkräftebedarf nach wie vor?

Ehinger:
Ja, absolut. Denn der demografische Wandel und der damit zusammenhängende Fachkräftemangel sind völlig unabhängig von der Krise. Das Problem besteht weiterhin – und muss behoben werden. In die Ausbildung von Jugendlichen zu investieren, ist das Beste, was wir im Moment dagegen tun können. Unseren Betrieben ist das auch klar, dementsprechend lassen sie nicht in ihren Ausbildungsanstrengungen nach.

Das Handwerk rekrutiert seine Fachkräfte traditionell über die Ausbildung. Teilen Sie die Beobachtung, dass es für die Betriebe schwieriger wird, die richtigen Bewerber/-innen zu finden?

Ehinger: Der Rückgang der Schulabgängerzahlen auf Grund der demografischen Entwicklung ist in den Betrieben deutlich spürbar. Es gibt mehr Lehrstellen als Bewerber. Hinzu kommt, dass immer mehr Schulabgänger mangelnde Kenntnisse beim Lesen, Schreiben und Rechnen haben und damit kaum ausbildungsfähig sind. Trotzdem bekommen sie in unseren Betrieben eine Chance, denn die Tradition und Selbstverpflichtung des Handwerks ist es, auch leistungsschwächere Jugendliche zu integrieren und ihnen den Berufseinstieg zu ermöglichen.

Jedoch kann das Handwerk nicht dauerhaft die Rolle eines Reparateurs für Mängel der schulischen Bildung übernehmen. Deshalb brauchen wir eine zukunftsgerichtete Bildungspolitik, die auch auf den vorschulischen Bereich setzt, auf mehr Eigenständigkeit der Schulen als Schlüssel zur Qualitätssteigerung und auf eine enge Verzahnung von Schule und Arbeitswelt.

Was ist ein „richtiger Bewerber“? Sind die Anforderungen der Betriebe zu hoch oder sind die Voraussetzungen der Bewerber unzureichend oder müssen wir über die Rekrutierungswege nachdenken?

Ehinger: Die Betriebe erwarten motivierte, kompetente und qualifizierte Bewerber. Und das ist ihr gutes Recht. Ich glaube nicht, dass sie zu hohe Anforderungen stellen, sondern dass manchen Jugendlichen wichtige Schlüsselkompetenzen fehlen, die sie erst erlernen und trainieren müssen. Probleme entstehen z. B. durch fehlende Disziplin, durch nicht vorhandene Leistungsbereitschaft oder Anpassungsfähigkeit.

Es geht um die Menschen, die eher praktisch veranlagt sind und vielleicht weniger in der Theorie ihre Stärken haben. Werden auch sie gebraucht, gerade auch in den Handwerksberufen?

Ehinger: Natürlich spielt die Praxis vor allem im Handwerk eine wichtige Rolle. Jedoch sollte man nicht vergessen, dass die Theorie auch dazu gehört. Das duale Ausbildungssystem, die Zusammenarbeit zwischen Schule und Betrieb, machen den Erfolg aus. Das Eine geht nicht ohne das Andere.

Einer der Hauptfaktoren in den Metropolregionen ist der hohe Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für das Handwerk? Wächst die Zahl der Handwerksbetriebe, deren Inhaber selbst einen Migrationshintergrund haben?

Ehinger: Im Rhein-Main-Gebiet leben seit jeher Menschen aus vielen Nationen. So haben wir auch in unseren Betrieben traditionell einen hohen Anteil an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Migrationshintergrund. Diese Kultur-Vielfalt fördert Ideenreichtum, Kreativität und Flexibilität. Außerdem wirkt der Beitrag der Migranten dem Fachkräftemangel entgegen. Voraussetzung ist allerdings eine gelingende Integration. Grundsätzlich ist das Handwerk offen für alle, die leistungsbereit sind – ungeachtet ihrer Herkunft und Kultur. 

Warum ist es so schwer, Frauen für die technischen Berufe zu begeistern?

Ehinger: Viele junge Frauen entscheiden sich nach der Schule für einen Beruf, der als typisch weiblich gilt, weil sie zu wenig über die techniknahen Berufe wissen. Außerdem denken viele, sie seien nicht qualifiziert genug. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Frauen haben in diesem Bereich hervorragende Chancen.
Zur beruflichen Orientierung ist es wichtig, dass den Mädchen schon in der Schule Möglichkeiten geboten werden, etwas über die verschiedenen Berufsfelder zu erfahren. Mit zahlreichen Informationsveranstaltungen, z. B. dem jährlich stattfindenden Girls Day, versucht die Handwerkskammer Rhein-Main, jungen Frauen die so genannten typischen Männer-Berufe näher zu bringen und sie zu ermutigen, Neues auszuprobieren. 

Haben wir in den letzten Jahren in Frankfurt Fortschritte bei der Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit erzielt?

Ehinger: Menschen, die länger als sechs Monate ohne Beschäftigung sind, haben nur geringe Chancen auf einen regulären Arbeitsplatz. Um das zu ändern, haben wir zahlreiche Projekte ins Leben gerufen, die Langzeitarbeitslose wieder in ein geregeltes Arbeitsverhältnis eingliedern sollen. Außerdem gibt es zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten. Wir müssen den Menschen eine Perspektive aufzeigen und sie fördern. Nur so können wir die Langzeitarbeitslosigkeit abbauen.