„Familienstart“ – ein Frankfurter Modellprojekt für Alleinerziehende

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Mit Individualcoaching zu dauerhaften beruflichen Perspektiven – Kooperationspartner finden neue Lösungsansätze

In Frankfurt am Main leben durchschnittlich 6.500 Alleinerziehende, die vom Jobcenter Arbeitslosengeld II beziehen, also für sich und ihre Kinder staatliche Transferleistungen der Grundsicherung für Arbeitsuchende erhalten. Rund 500 Alleinerziehende in der Betreuung des Jobcenters sind jünger als 25 Jahre und 350 von ihnen haben Kinder unter zwei Jahren. Solange ihr Kind unter drei Jahre alt ist, sind Alleinerziehende nicht verpflichtet, Ausbildungs- und Förderangebote des Jobcenters anzunehmen. Sie müssen dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen, sondern können eine maximal dreijährige Elternzeit in Anspruch nehmen. Folglich stehen diese jungen Eltern nicht im Zentrum der aktiven Ausbildungs- und Arbeitsvermittlung des Jobcenters. Erfahrungen zeigen jedoch, dass sie nach einer mehrjährigen Arbeits- und Ausbildungspause kaum qualifiziert und fast ohne Berufserfahrung auf einen Arbeitsmarkt kommen, der ihnen fast nur prekäre Beschäftigungsverhältnisse bietet.
Für genau diese Zielgruppe ist das Modellprojekt „Frankfurter Familienstart“ konzipiert, um ihre Problemlage durch eine intensive Individualbetreuung zu lösen. Die erste, seit 2010 laufende Pilotphase wurde jetzt erfolgreich abgeschlossen. Nun will das Projektteam den Nachweis erbringen, dass die eingesetzte Methode übertragbar ist und an weiteren Standorten etabliert werden kann. Deshalb sollen zunächst von 2013 bis 2016 zwischen 30 und 50 Mütter und ihre Kinder im Frankfurter Westen einen Platz in dem Projekt erhalten. Die Perspektive geht dahin, „Familienstart“ langfristig im gesamten Frankfurter Stadtgebiet zu etablieren.

Erfolg mit Kooperationspartnern

Dem Jobcenter Frankfurt am Main ist es gelungen, für das Projekt „Frankfurter Familienstart“ wichtige Kooperationspartner zu gewinnen: Die BHFBank- Stiftung als Ideengeber und Förderer sorgte für das Konzept und die Steuerung, sie finanzierte außerdem die wissenschaftliche Begleitung durch die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Die Gesellschaft für Jugendarbeit und Bildungsplanung e. V. gründete als Träger eine neue Kindergruppe im Stadtteil Höchst – die „Posträuber“, an deren Aufbau sich das Dezernat für Bildung und Frauen der Stadt Frankfurt maßgeblich beteiligte. Das Jobcenter Frankfurt stellte die erforderlichen finanziellen Mittel für eine eigene Coachingfachkraft zur Betreuung der alleinerziehenden Projektteilnehmerinnen bereit.

Das intensive, sehr individuelle Coaching hatte zwei wesentliche Ziele, nämlich die alleinerziehenden Mütter zu befähigen, sich dauerhafte berufliche Perspektiven zu eröffnen und Arbeit zu finden, und zugleich auch die Qualität der Bindung zwischen ihnen und ihren Kindern zu verbessern. „Beide Ziele wurden sehr gut erreicht“, so das Fazit von Dietmar Schmidt, dem Vorsitzenden des Vorstands der BHF-Bank-Stiftung. „Als eine Stiftung, die es sich vorgenommen hat, mit ihren Projekten und Initiativen Beiträge zu neuen Lösungsansätzen für gesellschaftliche Problemstellungen zu liefern und den Weg für ‚neue Wege und neue Sichtweisen‘ zu ebnen, sind wir darauf sehr stolz.“
Für Jobcenter-Geschäftsführerin Claudia Czernohorsky-Grüneberg zeigt das Projekt, „dass wir mit einem individuellen Zugang zu den Frauen nach nd nach viele ihrer Schwierigkeiten beseitigen können, die sie an der Arbeitsaufnahme hindern“. Zu den Haupthindernissen zählt oft der fehlende Betreuungsplatz – durch die neue Kindergruppe „Posträuber“ wurde das Problem gelöst.

Projektleiterin Gabriele Mankau: „Grundlage des Projektes war die Neugründung einer Kinderkrippe mit einem Förderzentrum für Alleinerziehende, in der die Kinder betreut sind. Die jungen Mütter und Väter sollen möglichst selbstbestimmt handeln. Im Vordergrund steht das Vertrauen in die Stärken junger Mütter oder Väter, Eigenständigkeit zu entwickeln, Ausbildungen nachzuholen, Berufstätigkeit und Familie zu vereinbaren und ihren Kindern gute Startchancen zu geben.“
Tatsächlich hat die Zielgruppe oftmals mit vielschichtigen Problemlagen zu kämpfen – neben den Schwierigkeiten mit der Kinderbetreuung zählen dazu Krankheiten, Schulden, ungeklärte Lebensfragen, eine unzureichende Wohnsituation, mangelnde Sprachkenntnisse und insbesondere eine fehlende oder abgebrochene Ausbildung. „Dass diese Themen aufgegriffen und gelöst werden, ist ein zentraler Faktor für die Stabilisierung der Frauen“, so Claudia Czernohorsky-Grüneberg.

Betreuung aus einer Hand

Das Betreuungskonzept von „Familienstart“ arbeitet mit der in USA entwickelten, entwicklungspsychologisch fundierten Frühfördermethode „STEEP – Steps toward effective enjoyable parenting“. Sie zielt darauf, Müttern ihre eigenen Ressourcen bei ihrer Bindungsfähigkeit aufzuzeigen und diese so zu stärken, dass ihre Kinder sicher gebunden aufwachsen. Während die Kinder in der Kindergrippe altersgerecht gefördert werden, erfahren die Frauen durch das Coaching eine professionelle und persönliche Unterstützung, die es ihnen ermöglicht, auf einer Vertrauensbasis ihre persönlichen und beruflichen Sorgen anzusprechen und Lösungen für sich selbst zu erarbeiten.

Die Ergebnisse des Projektes bestätigen, dass die Unterstützung „aus einer Hand“ der richtige Weg ist, die Lebens- und Erwerbsbiografie der Frauen und Mütter positiv zu verändern und diese Wendung auf die Biografie der Kinder zu übertragen. „Es ist ein motivierendes, aufsuchendes, begleitendes Coaching, das eng an der ganzheitlichen Lebenssituation der Ein-Eltern- Familien ansetzt und diese stabilisiert“, erläutert STEEP-Beraterin Marion Kaufmann ihre Coachingmethoden im Projekt.

Social return on investment

„Modellprojekt“ bedeutet, dass die Methoden mit einer relativ kleinen Gruppe erprobt werden. „Die zahlenmäßige Bilanz des Projekts ist extrem positiv“, betont die Jobcenter-Geschäftsführerin. „Sechs der zehn betreuten Frauen haben in den vergangenen Monaten entweder eine Ausbildung, eine Weiterqualifizierung oder eine Beschäftigung begonnen. Zwei weitere besuchen vorbereitende Kurse. Diese Vermittlungsquote ist sehr hoch.“

Im Rahmen des Pilotprojektes stellte das Jobcenter Frankfurt 60.000 Euro in einem Jahr für das Coaching bereit. Die Leistungen der Grundsicherung für zehn Alleinerziehende mit einem Kind beziffert das Jobcenter mit insgesamt 140.000 Euro jährlich. „Familienstart“ geht davon aus, dass bei einem positiven Projektverlauf ein „Social return on investment“ entsteht. Das heißt, dass durch die erfolgreiche und dauerhafte Arbeitsmarktintegration der Projektteilnehmerinnen ihre soziale Situation nachhaltig verbessert wird und die Kosten der Grundsicherung dauerhaft sinken.
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Dietmar Schmidt bewertet das Ergebnis: „Nicht zu beziffern ist der soziale Gewinn eines solchen Projektes. Die Mütter erhalten die Chance, ihre Lebenssituation dauerhaft zu verbessern, auf eigenen Füßen zu stehen, ihr Leben selbst zu gestalten und eine gute Bindung zu ihren Kindern aufzubauen und sie so gut zu fördern. Das ist ein wichtiger Beitrag zur Prävention von Armut und der Übertragung prekärer Verhältnisse von einer Generation auf die nächste.“

Best practice

Die Deutschen Telekom AG ermöglicht Alleinerziehenden aus dem Projekt „Familienstart“ eine Berufsausbildung in Teilzeit. So bekommen junge Mütter eine Chance auf einen regulären Berufsabschluss nach drei Ausbildungsjahren. Klaus Busch, Leiter des Telekom-Ausbildungszentrums Frankfurt: „Wir haben ein Auswahlverfahren entwickelt – nicht nach den Leistungen in der Schule, sondern talentorientiert. Wenn eine alleinerziehende Mutter mit Kind kein Talent, insbesondere kein Organisationstalent hat, dann weiß ich auch nicht, wer das hat. Deshalb passen sie gut in unsere Auswahl, auch als Nachwuchskräfte. Unsere Erfahrungen sind überwiegend gut. Deshalb setze ich mich auch für mehr Teilzeitausbildungsplätze ein. Insbesondere größere Firmen sollten diese Chance nutzen. Die Mütter werden ihre Talente erfolgreich einsetzen.“