"Ein-Euro-Job" als Sprungbrett

Über die Arbeitsgelegenheit zum Hauptschulabschluss – RMJ-Förderprogramme bei der AWO Jugendberufshilfe Frankfurt-Höchst

Zusätzlich und gemeinnützig muss der "Ein-Euro-Job" sein. Die Fachleute vermeiden diesen Begriff und sprechen von "Arbeitsgelegenheit" (AGH). Die Teilnehmer erhalten in Frankfurt ohnehin nicht einen Euro, sondern 1,50 Euro als Mehraufwandsentschädigung für jede geleistete Stunde zuzüglich RMV-Ticket. Maximal 25 Wochenstunden sind möglich. Die Entschädigung ergänzt die weiter laufende Grundsicherung des Arbeitslosengeldes II und die Kosten der Unterkunft. Die Arbeitsgelegenheiten sind bei den SGB-II-Kunden/-innen durchaus beliebt. Hartmut Bebendorf, der bei der Rhein-Main Jobcenter GmbH (RMJ) für den Bereich der öffentlich geförderten Beschäftigung zuständig ist, achtet außerordentlich genau darauf, dass Arbeitsgelegenheiten keine regulären Jobs verdrängen. AGH sind nicht nur die sprichwörtlichen Einsätze in Parks und Anlagen. RMJ bevorzugt vielmehr AGH mit einem bestimmten Qualifizierungsanteil. Die Teilnehmer sollen Fortschritte erzielen, die AGH soll für sie zu einem persönlichen und beruflichen Sprungbrett werden. Für viele langzeitarbeitslose SGB-II-Kundinnen und Kunden bedeutet AGH: Sie werden an geordnete regelmäßige Tagesstrukturen, Zuverlässigkeit und Beständigkeit herangeführt.
Foto: Ringeisen-Adam und Daniel Schulz
Diplompädagogin Hannelore Ringeisen-Adam leitet die Jugendberufshilfe Frankfurt-Höchst. Ihr Mitarbeiter Daniel Schulz war selbst in einer AGH bei der AWO beschäftigt und wurde im Verwaltungsbereich der Jugendberufshilfe übernommen.

Arbeit und Bildung


Eine Doppelstrategie verfolgt die AWO Jugendberufshilfe in Frankfurt-Höchst: Arbeit und Bildung sind Gegenstand von speziellen AGH-Maßnahmen für Jugendliche aus dem RMJ-Betreuungskreis. Sie sind aktiv auf der Suche nach einer beruflichen Perspektive, aber ohne Schulabschluss, ohne Ausbildung, ohne Arbeit. Die Defizite sind meist noch größer. Hannelore Ringeisen, Diplompädagogin und Leiterin der Jugendberufshilfe, spricht von "multiplen Problemlagen". Der Teufelskreis ist vorbestimmt: Ohne Schulabschluss keine Ausbildung, ohne Ausbildung keine tragfähige Berufsperspektive. Die AWO-Programme "Touchdown" integrieren deshalb Arbeit und Bildung in einer AGH-Maßnahme. Im Wochenverlauf sind fünfzehn Stunden für Arbeit und zehn Stunden für Bildung angesetzt. "Bildung" bedeutet Unterricht in Deutsch, Mathematik und berufsorientiertem Wissen. Das Gesamtziel – so Hannelore Ringeisen – ist das "Heranführen an den ersten Arbeitsmarkt" durch die Vermittlung beruflicher Kenntnisse und Fertigkeiten in interessensorientierten Praxisfeldern sowie durch das Erlernenund Einüben von Schlüsselqualifikationen wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Flexibilität und Teamfähigkeit. Darin werden die Jugendlichen gefördert. Gefordert werden sie durch Mitmachen und aktives Bemühen um einen Arbeits- und Ausbildungsplatz.
Foto
Zwei Tage Unterricht in der Woche: Deutsch, Mathematik und berufsorientiertes Wissen stehen auf dem Stundenplan. Qualifizierung ist ein wesentlicher Bestandteil einer Arbeitsgelegenheit für die Zielgruppe der Jugendlichen.

Arbeit und Bildung und Sprache

Ohne ausreichende Deutschkenntnisse kein Hauptschulabschluss, das ist Fakt. Jugendlichen mit Migrationshintergrund fehlt mitunter auch nach neun Schuljahren noch ein ausreichender Wortschatz, wie Hannelore Ringeisen aus der Erfahrung berichtet. In einer Maßnahme, die die AWO Jugendberufshilfe derzeit im Auftrag von RMJ durchführt, kommt deshalb die Sprachförderung zu "Arbeit und Bildung" hinzu und hat einen höheren Anteil.
Im Café Auszeit stehen hinter der Theke "Ein-Euro-Jobber" unter der Anleitung eines Restaurantfachmanns. Auch Fadel Bellahcen (Mi.) war einmal Teilnehmerin an einer AGH der Jugendberufshilfe. Im Herbst legt er die Ausbildereignungsprüfung ab.

Hauptschulabschluss


Den Teilnehmern soll es ermöglicht werden, den fehlenden Hauptschulabschluss nachzuholen. Bei drei bisherigen "Touchdown plus"-Programmen war dies ein direktes Maßnahmeziel. Geänderte Förderrichtlinien bedingen aber eine Modifikation: Den Jugendlichen wird jetzt ein Kenntnisstand vermittelt, der ihnen die freiwillige Teilnahme an einem externen Abschluss außerhalb der Maßnahme ermöglicht. Von einer 85-Prozent-Erfolgsquote der bisherigen Kurse berichtet Hannelore Ringeisen. Ihre "Ein-Euro-Job" als Sprungbrett Über die Arbeitsgelegenheit zum Hauptschulabschluss – RMJ-Förderprogramme bei der AWO Jugendberufshilfe Frankfurt-Höchst Beobachtung: Die jungen Frauen hätten konsequenter durchgehalten als die jungen Männer. Der erste Kurs mit 15 jugendlichen Teilnehmern unter 25 Jahren endete im Sommer 2009, im März 2010 erhielten zwölf Absolventinnen mit Migrationshintergrund ihr Zeugnis – die Altersgrenze lag hier bei 35 Jahren – und im Juni 2010 stellten sich 28 Kandidaten dem Hauptschulabschluss. Wenn Hannelore Ringeisen von Erfolgen berichtet, denkt sie zum Beispiel an eine junge Frau, die im Juni 2010 ihren Hauptschulabschluss erlangte, alleinerziehend mit zwei Kindern, bei der bisher im Sinn einer "multiplen Problemlage" alles schiefgegangen ist, mutlos und ohne Selbstvertrauen. Nach neun Monaten hat sie den Abschluss mit guten Ergebnissen geschafft – und sie hat Anschluss: Sie absolviert jetzt eine Teilzeitausbildung. Ähnlich eine junge Frau mit sehr guten Noten: Sie wurde von der AWO direkt übernommen und hat mit ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau begonnen. Oder die Frau aus Marokko, mit 35 die älteste Teilnehmerin im Kurs für Migranten: alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Mit 15 kam sie nach Deutschland, trotz guter Noten brach sie unter finanziellem Druck die Schule ab, zog von zu Hause aus, Schwangerschaft, die erste Ehe scheiterte ebenso wie die zweite. Mit Jobs hielt sie sich über Wasser. Für ihre drei Kinder sorgt sie allein. Mit dem Hauptschulabschluss will sie jetzt "richtig durchstarten". Nicht die Migration an sich sei das Problem, meint Hannelore Ringeisen, sondern die fehlenden Sprachkenntnisse, die Erwartungen der Familie, mitunter die Zwangsverheiratung, finanzielle Probleme und mehr.
Foto
AGH-Einsatz im Café Auszeit mit Schrubber, Eimer und Besen

Die Arbeitsgelegenheit


Basis der Maßnahmen ist die Arbeitsgelegenheit. Die Komponente "Arbeit" bedeutet den praktischen Einsatz an drei Tagen in der Woche. Zum Beispiel im Café Auszeit in der unmittelbaren Nachbarschaft zur AWO Jugendberufshilfe in der Höchster Kasinostraße. Dieses Non-Profit-Bistro ist Frankfurt-Pass- Inhabern zugänglich und bietet zielgruppengerecht Kaffee ab 0,35 Euro, belegte Brötchen ab 0,65 und Salat ab 0,90 Euro. Die Jugendlichen verrichten unter Anleitung die üblichen Tätigkeiten vom Servieren über Einkaufen bis hin zur Zubereitung von kleinen Speisen und Getränken. Die handwerklich Orientierten betätigen sich in der Fahrradwerkstatt, sie schrauben auseinander und bauen wieder zusammen, reparieren, stellen ein und kümmern sich um die Verkehrssicherheit. Auch die Fahrradwerkstatt steht nur Frankfurt-Pass- Inhabern offen, die auch nur für die Ersatzteile bezahlen müssen. Arbeitsgelegenheiten sind zusätzlich und gemeinnützig, sie dürfen reguläre Arbeit nicht verdrängen. Das bedeutet: Nicht einmal Hannelore Ringeisen kann ihr Fahrrad hier richten lassen. Unter gleichen Vorgaben ist eine Reparatur- und Änderungsschneiderei als weiterer handwerklicher Arbeitsbereich im Aufbau. Altkleidung für Kinder und Erwachsene wird aufbereitet, repariert und geändert. Im weiten Spektrum der AWO-Aktivitäten finden AGH-ler darüber hinaus Einsatzmöglichkeiten in Seniorenhilfe und Kinderbetreuung, Hauswirtschaft und Großküche, in Haustechnik und Verwaltung. Hannelore Ringeisen: "Die Arbeitsgelegenheit ist ein Sprungbrett – in den Job oder in die Ausbildung, auf jeden Fall ein Beitrag zur Persönlichkeitsbildung und die Voraussetzung für sinnvolle Perspektiven. Sprungbrett heißt: Es geht weiter." Dabei wirken dann wieder andere Unterstützungsangebote aus der Förderkette von RMJ, falls erforderlich und zielführend.