„Ausbildung – wenn nicht jetzt, wann dann?!“
Ein Gastkommentar von Harald Fiedler, DGB-Regionsvorsitzender Frankfurt-Rhein-Main
Jedes Jahr im Herbst das gleiche Szenario: Die Wirtschaft in Frankfurt-Rhein-Main gibt an, mehr Ausbildungsstellen anzubieten, als qualifizierte Bewerber/-innen zur Verfügung stehen. Gewerkschaften, Schulen und Eltern weisen darauf hin, dass wieder Tausende keinen Ausbildungsplatz bekommen haben und im nächsten Jahr als „Altbewerber“ wieder auf der „Matte“ stehen.
Statistiken helfen da kaum weiter. Standen Ende September 2008/09 im Arbeitsagenturbezirk Frankfurt am Main für 5.178 Bewerber/-innen 7.276 angebotene Ausbildungsstellen zur Verfügung, so waren es für das Jahr 2009/10 für 6.375 Bewerber/innen 7.520 Plätze. Eltern und Lehrer stellen aber trotzdem fest: Nur zwei aus ihrer Hauptschulklasse, nur 2/3 der Realschüler und einige Gymnasiasten haben Glück. Andere haben mehr als fünfzig Bewerbungen erfolglos geschrieben, sie bleiben ohne Ausbildungsangebot.
Bei IHK oder Handwerk heißt es wie immer, die jungen Leute sind heute weniger ausbildungsreif als früher, die Schulen hätten versagt. Mag ja sein, aber die Klassen sind immer größer geworden, Lehrer müssen mehr Unterrichtsstunden leisten als noch vor 15 Jahren und an Bildung gibt Deutschland gemessen am Bruttoinlandsprodukt im internationalen Vergleich weniger als Irland aus und steht damit in Europa an viertletzter Stelle. Aber damit ist die Wirtschaft nicht aus der Verantwortung. „Ältere“ können sich noch erinnern: In den 90er Jahren hatte fast jeder mittelständische Betrieb Ausbildungsleiter und Ausbildungswerkstätten. Die Unternehmen erwarteten nicht wie heute fertige Auszubildende, die möglichst gleich profitabel einzusetzen sind. Sie bildeten tatsächlich qualifiziert aus und davon profitieren nicht nur sie bis heute. Ausbildungsabteilungen oder Ausbildungswerkstätten kann man im Jahr 2011 in Frankfurt-Rhein-Main an einer Hand abzählen. Wäre es nicht im Interesse der gesamten Wirtschaft, über eine Ausbildungsplatzumlage nachzudenken, wie sie die Bauarbeitgeber schon seit Jahrzehnten mit Erfolg praktizieren? Gerechter für die Unternehmen, die noch ausbilden, wäre das allemal. Für die weniger qualifizierten Jugendlichen kämen so Finanzmittel zusammen, um sie „ausbildungsreif“ zu machen.
Nicht berücksichtigt die Statistik, dass in Frankfurt am Main etwa 300.000 Einpendler arbeiten. Sehr viel mehr Ausbildungsplätze als 2009/10 müssten die Unternehmen auch deshalb in unserer Region eigentlich anbieten, denn die Ausbildungsplätze hier werden auch überwiegend von Jugendlichen außerhalb der Rhein-Main-Region nachgefragt und besetzt.
Der perspektivische Facharbeitermangel, das Fehlen von Ingenieuren ist allseits unbestritten. Die Wirtschaft wählt die besten Schulabgänger aus und schreibt den Rest als nicht ausbildungsfähig ab, ruft aber gleichzeitig nach ausländischen Fachkräften. Wer gut ausbildet, der muss nicht nach ausländischen Fachkräften rufen. Der Fachkräftemangel ist hausgemacht. Es ist an der Zeit, dass die Unternehmen umdenken. Denn die Auszubildenden von heute sind die Fachkräfte von morgen.
Laut einer IAB Studie bildeten nur 33 Prozent aller Betriebe in Hessen 2009 aus. Dies ist ein Rückgang um zwei Prozentpunkte bzw. etwa 3.000 Betriebe gegenüber dem Vorjahr, obwohl zwei Drittel aller hessischen Betriebe über eine Ausbildungsberechtigung verfügten. Zur Recht appelliert der hessische Wirtschaftsstaatssekretär Steffen Saebisch deshalb an die Unternehmen, das ungenutzte Ausbildungspotenzial zu aktivieren, um die für die Zukunft dringend benötigten qualifizierten Fachkräfte zu gewinnen. Unterstützungsmöglichkeiten für Unternehmen, um zusätzliche Ausbildungsplätze zu schaffen, bieten auch die Förderprogramme des Hessischen Wirtschaftsministeriums.
Vor allem Jugendliche mit Hauptschulabschluss oder ohne Schulabschluss haben auf dem Ausbildungsmarkt schlechte Chancen. Deshalb müssen ausbildungsbegleitende Hilfen zu Regelangeboten für die Betriebe ausgebaut werden. Ausbilder und Lehrer sollten für jeden einzelnen Auszubildenden den Förderbedarf ermitteln. Die Bundesagentur muss ihr Leistungsangebot dazu steigern. Bund und Länder sollten sich an der Finanzierung beteiligen. Mit ausbildungsbegleitenden Hilfen können Betriebe unterstützt werden, die jungen Leuten eine Chance geben, die keine brillanten Zeugnisse haben.
Nach wie vor gibt es schwerwiegende Mängel hinsichtlich der Ausbildungsqualität, die in den einzelnen Berufen sehr unterschiedlich sind. Ausbildungsfremde Tätigkeiten, Überstunden, teilweise ohne Ausgleich, und fehlende Betreuung durch Ausbilderinnen und Ausbilder gehören zu den negativen Praktiken. Angesichts dieser Tatsache ist die einseitige Debatte um die „Ausbildungsfähigkeit“ der Jugendlichen nicht gerechtfertigt.
Gute Ansätze gibt es, wie das Frankfurter Hauptschulprojekt belegt. Über eintausend Schüler profitieren davon. Die praxisorientierte Hauptschule, die so genannten Schubklassen, unterstützt durch den Einsatz von Sozialpädagogen, sind richtige Antworten auf die Fragen der Zukunft. Die Wiedereinrichtung von Ausbildungswerkstätten, die Einstellung von betrieblichen Ausbildern wäre ein weiterer wichtiger Schritt, den Unternehmen leisten können. Auch die Wohnraumfrage für Auszubildende sollte wieder ins Blickfeld von Politik und Wirtschaft rücken. Nur durch Betriebswohnungen, Betriebsjugendwohnheime und preisgünstigen Wohnraum war es in den 60er, 70er Jahren möglich, den Bedarf an Auszubildenden und Fachkräften in der teuren Rhein-Main-Region zu decken.
Nur wenn wir bereit sind, die Sonntagsreden von der Bedeutung der Bildung für die Jugend für unser aller Zukunft in praktisches Handeln umsetzen, werden wir auch wirklich den Herausforderungen des nächsten Jahrzehnts etwas entgegen zu setzen haben. Deshalb: Ausbildung jetzt!

