„Verantwortliche soziale Dienstleistung für jeden achten Frankfurter Bürger“

Jobcenter-Geschäftsführerin Claudia Czernohorsky-Grüneberg über die Aufgaben und Ziele der gemeinsamen Einrichtung

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Sechs Jahre nach der Gründung wurde aus der Rhein-Main Jobcenter GmbH zum Jahresbeginn 2011 das Jobcenter Frankfurt am Main. „Jobcenter“ ist jetzt die bundesweite Bezeichnung für die öffentlich-rechtlichen Einrichtungen zur Betreuung der langzeitarbeitslosen Menschen bzw. der erwerbsfähigen Hilfebedürftigen. Die Jobcenter sind an die Stelle der bisherigen Arbeitsgemeinschaften (ARGEn) getreten. Das Bundesverfassungsgericht hatte schon im Dezember 2007 die „Mischverwaltung“ von Kommunen und Arbeitsagenturen in den ARGEn für unzulässig erklärt und den Gesetzgeber zu einer Änderung aufgefordert. Nach langem Ringen ist diese nunmehr vollzogen.
Jobcenter: Betreuung aus einer Hand

„Nicht nur die Bezeichnung hat sich geändert“, betont Claudia Czernohorsky-Grüneberg, die Geschäftsführerin des Jobcenters Frankfurt. „Nach der langen Unsicherheit über den Fortbestand der ARGE hat sich Gewissheit eingestellt – für die rund 72.000 Hilfeempfänger, die das Jobcenter betreut, genauso wie für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“ Die Zahl von 72.000 SGB-II-Kunden/-innen bedeutet, dass etwa jeder achte Einwohner der Mainmetropole von Leistungen des Jobcenters abhängig ist. Für sie ändert sich nichts am Grundsatz der Betreuung aus einer Hand: „Das ist das Wichtigste bei dieser Umstellung: Es bleibt beim Bürgerservice durch eine Hand. Keine zwei Behörden, keine unterschiedlichen Antragsverfahren, keine getrennte Trägerschaft. Das ist verantwortliche, arbeitsmarktorientierte und soziale Dienstleistung für ca. 12 Prozent der Frankfurter Bürgerinnen und Bürger.“,
Die Planung sowohl im Personalbereich als auch bei den Fördermaßnahmen war auf das Jahresende 2010 ausgerichtet. Das Jobcenter hat diese schwierige Planungssituation gemeistert und bereits Mitte Januar den Trägern der neuen gemeinsamen Einrichtung das Arbeitsmarktprogramm 2011 zur Verabschiedung vorgelegt. Eine besondere Herausforderung war die prognostizierte Verringerung der finanziellen Mittel für 2011. Claudia Czernohorsky- Grüneberg: „Unter dieser Prämisse haben wir ein differenziertes, dem Bedarf der jeweiligen Zielgruppe entsprechendes Maßnahmeportefolio entwickelt.“
Gemeinsame Einrichtung (gE):
Partner auf Augenhöhe


Die Stadt Frankfurt am Main hat sich nicht für das „Optionsmodell“ entschieden, bei dem die Kommune die SGB-II-Kunden/-innen in alleiniger Verantwortung betreut. Die erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur wird vielmehr weitergeführt. Die neue „gemeinsame Einrichtung“ (gE) der Stadt Frankfurt und der Agentur für Arbeit ist organisatorisch anders aufgestellt als die frühere Rhein-Main Jobcenter GmbH, die ursprünglich von drei Verantwortlichen geleitet wurde. In den Jahren 2009 und 2010 führten dann Claudia Czernohorsky-Grüneberg und Heike Hengster als Geschäftsführerinnen gemeinsam die Einrichtung. „Aus 3 mach 2 mach 1“ – nur eine kommunale Geschäftsführerin steht jetzt an der Spitze des Jobcenters.
Die Trägerversammlung besteht je zur Hälfte aus Vertretern der Stadt Frankfurt und der örtlichen Agentur für Arbeit, die den Vorsitz hat. Weiterhin gibt es einen Beirat und die in einer öffentlichrechtlichen Einrichtung erforderlichen Gremien und Funktionen: Personalrat, die Gleichstellungsbeauftragte sowie Beauftragte für Schwerbehinderte und Ausbildung. Neu geschaffen ist die Position „Leitung operativ“, die den operativen Bereich verantwortet und als Abwesenheitsvertretung der Geschäftsführung fungiert. „In einem Kooperationsvertrag wurden Ende 2010 zwischen der Kommune und der Bundesagentur für Arbeit die grundlegenden organisatorischen und inhaltlichen Prinzipien der gE sowie die Zusammenarbeit beider Träger auf Augenhöhe definiert“, erläutert Claudia-Czernohorsky-Grüneberg.
Die Umwandlung in eine „gemeinsame Einrichtung“ ging nahezu geräuschlos vonstatten. Die betroffenen Menschen kommen in Frankfurt weiterhin in die fünf Jobcenter (Höchst, Nord, Ost, Süd und West) und werden von den Persönlichen Ansprechpartnern wie bisher ganzheitlich betreut, die Arbeitgeber bekommen den gleichen Service, wenn sie neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter suchen. Die Umwandlung betrifft also in erster Linie die inneren Strukturen: „Die Arbeit mit den Kundinnen und Kunden im operativen Bereich war von der Umstrukturierung einer GmbH in eine legalisierte Mischverwaltung zwischen Bund und Kommune nicht tangiert“, so die Geschäftsführerin. „Die wesentlichsten Veränderungen, insbesondere auch für meine Funktion, bestanden darin, dass die Strategie-, Entscheidungs- und operative Umsetzungsebenen neu definiert und damit auch Kommunikationstrukturen neu implementiert werden mussten.“ Dafür wurden die „Leitungs- und Stabsrunde der Geschäftsführung“ und die „Leitungsrunde operativ“ eingerichtet und unter dem Stichwort „11ZieleZwanzig11“ eine Leitlinie entwickelt. Diese Innovationen wurden bei der Jahresauftaktveranstaltung im Januar 2011 allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern „im Sinn der Zielkaskadierung“ kommuniziert, wie Claudia Czernohorsky-Grüneberg erklärt. Die Führung des Jobcenters und seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über Zielvereinbarungen ist für sie ein wichtiges Steuerungsinstrument.
Die Stadt Frankfurt und die Arbeitsagentur sind in der gemeinsamen Einrichtung des Jobcenters „Partner auf gleicher Augenhöhe“. Die beiden unterschiedlichen Dienstherren sollen paritätische Partner sein, „um bestehende und auch ‚gefühlte’ Ungerechtigkeitsthemen zwischen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern anzusprechen und bestenfalls aufzulösen“. Dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jobcenters genau beobachten, was „Augenhöhe“ bedeutet, ist für Claudia Czernohorsky-Grüneberg nachvollziehbar: „Sie möchten sich nach mehr als fünf Jahren mit einem Unternehmen identifizieren, sie möchten Ungerechtigkeitsthemen gelöst haben, sie möchten Perspektiven, die es erlauben, dass sich neue Wege entwickeln, zum Beispiel im Rahmen der Personalentwicklung. Des Weiteren gehört für mich zur Augenhöhe, dass zwischen den Trägern und der Geschäftsführung eine Kommunikation stattfindet, die von gemeinsamer Zielsetzung, Verantwortlichkeit und gegenseitigem Respekt sowie konstruktiver Kritik getragen ist.“
Die Partnerschaft zielt für Claudia Czernohorsky- Grüneberg darauf, die Bedingungen für eine wirtschaftliche und wirksame Zusammenarbeit zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Bildungsträgern und Kooperationspartnern dahingehend zu optimieren, dass die Leistungsfähigkeit des SGB II gesteigert wird. Dazu gehören für sie das gemeinsam entwickelte Zielsystem, das Umsetzungskonzept zur wirksamen fachlichen Führung, eine neue Geschäftsordnung, ein neues Leitbild der gemeinsamen Einrichtung in der Binnenorganisation und ebenso der permanente Dialog mit den Trägern: Kommune und Bundesagentur für Arbeit. Wichtig erscheint ihr darüber hinaus der konstruktive Dialog mit den Trägern der freien Wohlfahrtpflege in Frankfurt am Main; dafür besteht seit 2010 der so genannte „runde Tisch“.
Leistungsangebote bei reduzierten Mitteln

Nach den hohen, auch durch die drei Konjunkturprogramme der Bundesregierung möglichen Etatansätzen im Jahr 2010 wurden die Mittel für die Eingliederungsleistungen jetzt ungefähr auf das Niveau von 2006 zurückgeführt. Für das Jobcenter Frankfurt bedeutet dies eine stärkere wirtschaftliche Auswahl der Maßnahmen und auch eine Zuweisung der Kundinnen und Kunden unter dem Kriterium der Wirkung zur Steigerung der Eingliederungschancen. „Durch die verbesserte Wirtschaftslage ist der Fokus noch stärker auf Integration in den ersten Arbeitsmarkt ausgerichtet, während im Zeichen der Krise eher Qualifizierung und Beschäftigungsförderung im Vordergrund standen.Qualifizierungsmaßnahmen an sich haben weiterhin eine sehr hohe Priorität - gerade auch unter dem Aspekt der nachhaltigen Wirkung.“
Die Einsparungen bei Leistungen im SGB II tangieren auch den Bereich der Arbeitsgelegenheiten (AGH bzw. „Ein-Euro-Jobs“) und führen zu einer Reduzierung. Dabei wird die Angebots- und Nachfragestruktur beachtet, um keinen Anbieter einseitig zu benachteiligen, aber auch um eine Vielfalt von Maßnahmeangeboten zu sichern. Im Blickfeld stehen ebenso die Arbeitgeberleistungen wie Eingliederungszuschüsse. Ziel ist es, zusätzliche Alternativen und Instrumente herauszuarbeiten, die eine Integration dann ermöglichen, wenn Förderleistungen eingeschränkter zur Verfügung stehen. „Hier sind auch die Arbeitgeber gefragt, indem sie Qualifizierungsangebote in den Betrieben anbieten“, so Claudia Czernohorsky-Grüneberg. Der effiziente Mitteleinsatz erfordere auf Seiten des Jobcenters ein wirksames Controlling im Hinblick auf die nachhaltige Integration und Förderung der langzeitarbeitslosen Menschen.
Ich muss nicht betonen, was eigentlich allen Akteuren bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern klar ist: Jugendliche sind unsere Zukunft. Wir können es uns als Gesellschaft nicht leisten, auch nur einen von ihnen zu verlieren oder aufzugeben, es sei denn, unsere eigene Zukunft interessiert uns nicht. Dann würden wir vor der demografischen Entwicklung allerdings die Augen verschließen, denn auch die Lebensentwürfe der Menschen heute sind andere, längere, als zum Beispiel die unserer (Ur)Großeltern.“ (Claudia Czernohorsky-Grüneberg)
Arbeitsmarktprogramm 2011

Seit 2005 hat das Jobcenter Frankfurt große Anstrengungen unternommen, Menschen an den Arbeitsmarkt heranzuführen. Die Einrichtung, die zu den sechs großen SGB-II-Institutionen in der Bundesrepublik zählt und das „Schwergewicht“ in Hessen ist, war auf diesem Weg erfolgreich. Auch bei reduzierten Mitteln will Claudia Czernohorsky-Grüneberg das Jobcenter auf Erfolgskurs halten. „Das Arbeitsmarktprogramm 2011 berücksichtigt bewusst alle Kundengruppen. Die Verantwortung beim Profiling und der Auswahl der geeigneten Fördermaßnahmen liegt stärker beim Persönlichen Ansprechpartner. Zu den Schwerpunkten zählt weiterhin die Betreuung der älteren Arbeitslosen. Die Jobcenter Frankfurt und Darmstadt beteiligen sich weiter am Bundesprogramm Perspektive 50plus. Der Pakt ‚best! agers’ wurde bis Ende 2015 verlängert. Für die Betreuung steht ein spezialisiertes Team zur Verfügung.“
Claudia Czernohorsky-Grüneberg verweist darauf, dass die Jugendlichen bereits durch das Gesetz als „besonderer Schwerpunkt“ betrachtet werden. Für sie ist eine schnelle und umfassende Betreuung vorgeschrieben. Das Jobcenter plant deshalb, erfolgreiche Aktionen wie die JobMobil-Börse für Jugendliche – 800 Teilnehmer und 30 ausstellende Betriebe im Jahr 2010 – und die Beteiligung an der Ausbildungsbörse der Arbeitsagentur auch 2011 fortzusetzen. Darüber hinaus soll ein Projekt unter dem Arbeitstitel „Jugendjobcenter“ realisiert werden: „Die Idee ist eine Zusammenfassung mehrerer Leistungen der Träger des SGB II, SGB III und SGB VIII unter einem Dach. Die Jugendlichen sollen hier eine Betreuung von A wie Ausbildungssuche über B wie Berufsberatung bis zu Z wie zielgruppenorientiertes Fallmanagement vorfinden.“
Ein weiterer Schwerpunkt des Arbeitsmarktprogramms 2011 ist die Zielgruppe der Alleinerziehenden. Neu installiert ist die Funktion einer Beauftragten für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt (BCA). Ihr Augenmerk richtet sich besonders auf die Entwicklung und Implementierung von neuartigen modellhaften Kooperationsprojekten für Alleinerziehende mit Kindern unter drei Jahren. Mit ganzheitlicher individueller Betreuung, Beratung und Unterstützung werden Alleinerziehende in ihrer besonderen Situation stabilisiert und gestärkt. Dazu hat das Jobcenter bereits seit 2010 tragende Maßnahmen wie „Stark mit Kind“, „BOB – Berufliche Orientierung mit Baby“ und das Projekt „Familienstart in den westlichen Stadtteilen“ entwickelt und implementiert. Die hohe Nachfrage und Akzeptanz der Maßnahmen zeigt, dass es gelingt. mittelfristig Kundinnen zu stabilisieren und zu qualifizieren, so dass sie ihren Weg autonom gehen und ihren Kindern ein erfolgreiches Vorbild sein können und werden.
Berufsrückkehrerinnen bzw. Wiedereinsteigerinnen wie auch Alleinerziehende werden bei der geschäftspolitischen Zielsetzung stark berücksichtigt, insbesondere durch den regelmäßigen Jour Berufsrückkehr für Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger. In diesem Forum werden verschiedene Angebote vorgestellt, und die Bewerberinnen und Bewerben sollen sich am Ende der Veranstaltung definitiv erklären, welche berufliche Perspektive sie mit ihrem persönlichen Ansprechpartner besprechen werden.
Das Jobcenter hat seine Geschäftspolitik auf die besonderen Anforderungen einer Metropolregion ausgerichtet, wie u. a. der Schwerpunkt bei den Alleinerziehenden zeigt. Geschäftsführerin Claudia Czernohorsky-Grüneberg beurteilt die Perspektiven auf dem dynamischen Frankfurter Arbeitsmarkt „mit realistischer Zuversicht“. Einen hohen Stellenwert haben für sie Kooperationsmodelle und Netzwerke. Eine neue Herausforderung dafür ist das gerade verabschiedete „Bildungspaket“: Die Federführung hat das städtische Jugend- und Sozialamt mit der Festlegung der Rahmenbedingungen für die kommunale Nutzung der Strukturen. Die operative Umsetzung liegt beim Jobcenter. „Das Bildungspaket stellt für uns eine große Herausforderung dar, aber wir sind vorbereitet und handlungsfähig.“
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Claudia Czernohorsky-Grüneberg, 1957 in Frankfurt/Main geboren, verheiratet, hat zwei Töchter und lebt mit ihrer Familie in einem Mehrgenerationenhaus in Offenbach-Bieber. Nach ihrem Studium der Sozialarbeit an der FH Frankfurt nahm sie ihren Dienst beim Jugend- und Sozialamt der Stadt Frankfurt/Main auf und war im Allgemeinen Sozialdienst als Bezirkssozialarbeiterin, als Sachgebietsleiterin des Allgemeinen Sozialdienstes und als Sozialrathausleitung tätig. Zu Beginn des Jahres 2005 wechselte sie als Bereichsleiterin eines Jobcenters in die Rhein-Main Jobcenter GmbH (RMJ), übernahm 2006 die Operative Leitung und wurde 2009 zur Geschäftsführerin berufen. In dieser Funktion leitet sie jetzt das Jobcenter Frankfurt, die Nachfolgeeinrichtung von RMJ.