Teilhabe durch Bildung

Jutta Ebeling, Bürgermeisterin der Stadt Frankfurt am Main, Dezernentin für Bildung und Frauen

Frau Ebeling, die Wirtschaft klagt immer wieder über die unzureichenden Bildungsvoraussetzungen der Jugendlichen. Jetzt wird über eine Bildungs- Chipkarte für sozial Benachteiligte diskutiert. Bringt dieses Instrument die Wende?

Bürgermeisterin Jutta Ebeling: Ich begrüße zunächst jede Initiative, die das Ziel verfolgt, finanziell schlechter gestellten Menschen einen verbesserten Zugang zu Bildung, Kultur und Freizeit zu ermöglichen. Diese Initiative der Bundesregierung darf aber nicht zu Lasten der Städte und Gemeinden eingeführt werden. Sie entscheiden im Rahmen der kommunalen Selbstverwaltung über die Höhe der freiwilligen Leistungen für ihre Bürgerinnen und Bürger. Zudem gebe ich zu bedenken, dass der konsequente Ausbau von Ganztagsschulen die Bildungskarten überflüssig machen würde. Denn im Ganztagsangebot von Schulen können alle Bausteine enthalten sein, die außerhalb von Familie eine gute Kindheit und fundierte Bildung ermöglichen.

Ob Bildungs-Chipkarte oder andere Maßnahmen – die Notwendigkeit verstärkter Investitionen in Bildung ist ein partei- und gruppenübergreifender Konsens. Wo liegen Ihre Schwerpunkte in Frankfurt?

Ebeling: Weil wir als Schulträger nicht für die Gestaltung des Unterrichts zuständig sind, konzentrieren wir uns auf zusätzliche Angebote. So haben wir etwa die Schulsozialarbeit ausgebaut, sie ist inzwischen an allen Hauptschulen und Gesamtschulen etabliert. Insgesamt investiert die Stadt Frankfurt in diesen Bereich fünf Millionen Euro im Jahr. Zudem haben wir die technische Ausstattung der Schulen verbessert, sodass inzwischen alle Schulen in einem Netz verkabelt und mit 16.000 PCs ausgestattet sind. Wir bauen die Nachmittagsbetreuung an Schulen aus und haben hierzu ein Programm "Offene Frankfurter Ganztagsschule" ins Leben gerufen. Im Sinne des Hessischen Bildungsplans für 0 bis Zehnjährige, haben wir auch eine Fülle von Förderprogrammen, etwa zur Sprachentwicklung, in den Kindertagesstätten installiert. Im Bereich der Kinderbetreuung für die unter Dreijährigen werden wir bis zum Ende dieses Jahres 1.300 zusätzliche Krippenplätze geschaffen haben. Schließlich haben wir die Ausbildungskapazitäten für Erzieherinnen und Erzieher verdoppelt. Dass wir auf dem richtigen Weg sind, zeigt die anwachsende Zahl an Kindern unter drei Jahren. Zurzeit steigt die Zahl dieser Kinder um 400 pro Jahr. Frankfurt ist also attraktiv für Familien, die sich dauerhaft in unserer Stadt ansiedeln wollen.

Ein konkretes Beispiel: Nach neueren Erkenntnissen ist in Frankfurt das Haupthindernis bei der beruflichen (Wieder-)Eingliederung Alleinerziehender nicht der fehlende Betreuungsplatz, sondern der fehlende Schul- bzw. Ausbildungsabschluss. Werdendamit die Handlungsnotwendigkeiten deutlich?

Ebeling: Ich teile diese Einschätzung nicht. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass alleinerziehende Menschen nicht genügend unterstützt werden. Wir brauchen eine institutionsübergreifende Kooperation in der Stadt, um Alleinerziehende professionell beraten und betreuen zu können. Häufig fehlt es an der Bereitschaft der Unternehmen, Alleinerziehende einzustellen, obwohl sie über gute Qualifikationen verfügen. Ganz sicher verfügen sie über sehr viel Berufs- und Lebenserfahrung. Ihr schwieriges Alltagsleben hat sie häufig zu Organisationstalenten ausgebildet. Alle Fachkräfte, die Alleinerziehende beim Wiedereinstieg in das Berufsleben unterstützen wollen, benötigen vor allem Informationen über die bereits bestehenden Betreuungsangebote und Möglichkeiten. Aus diesem Grund wird in Kürze vom Frauenreferat der Stadt Frankfurt am Main ein Wegweiser für Alleinerziehende veröffentlicht. Dieser Wegweiser sollte zur Pflichtlektüre für alle Fachkräfte werden, die Alleinerziehende beraten und in Arbeit oder Ausbildung vermitteln wollen.

Ein zweites Beispiel sind die Menschen mit Migrationshintergrund. Sie sind zwar gerade in Frankfurt nicht generell bildungsfern, bedeuten allein durch ihren hohen Bevölkerungsanteil aber eine große Herausforderung für die Stadt. Wo liegen Ihre Schwerpunkte, die Integration durch Bildung zu fördern?

Ebeling: Sogenannte "bildungsferne Schichten" finden wir bei allen Nationalitäten. Die multikulturelle Stadt birgt natürlich auch besondere Aufgabenstellungen für die Bildungslandschaft in sich. Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, die die individuelle Förderung von Kindern ermöglichen. Dazu gehören zum Beispiel die sozialpädagogischen Kleinprojekte an Grundschulen, die Schulklassen an den Hauptschulen sowie die unterstützende Arbeit der Jugendhilfe in der Schule.

Konkret: Welche Möglichkeiten der Sprachförderung sehen Sie?

Ebeling: Das Bildungsdezernat hat vor vielen Jahren das Programm "Meine, Deine, Unsere Sprache" in den Kitas eingeführt. Wir waren eine der ersten großen Kommunen, die zum Thema Sprachförderung aktiv wurden. Alle städtischen Kitas haben seit 2007 Sprachförderbeauftragte benannt. Weil der Spracherwerb maßgeblich durch das Elternhaus beeinflusst wird, wurden auch hier bereits in den 90er Jahren Förderprogramme wie "Mama lernt Deutsch" oder "Hippy" installiert. Überdies beteiligen sich einzelne Einrichtungen an Praxis- und Forschungsprojekten wie z. B. "LiSeDaZ", "Frühstart" oder "mitSprache". Sprachförderung hat einen hohen Stellenwert, ich gehe davon aus, dass wir unsere Aktivitäten in diesem Bereich zukünftig noch verstärken werden.

Welche Programme und Maßnahmen planen Sie im Bereich des Nachholens von Hauptschlüssen?

Ebeling: Mit Bedauern haben wir vor zwei Jahren zur Kenntnis genommen, dass durch andere Kostenträger die Lehrgangskapazitäten für diese Maßnahmen um mehr als 100 Plätze reduziert wurden, obwohl der Bedarf für Lehrgänge zum Nachholen des Haupt- und Realschulabschlusses weiterhin hoch ist. Aus diesem Grund hat die Stadt Frankfurt eine weitere Abendhaupt- und Realschule geschaffen, um diese Lücke zu schließen.

Welche Ansatzpunkte gibt es zur Förderung der eher praktisch veranlagten Jugendlichen?

Ebeling: Praktisch veranlagte Jugendliche werden in den Schulklassen besonders gefördert, konzeptikonzeptionell bedingt wird dort an zwei Tagen in der Woche unterrichtet und an drei Tagen im Betrieb ein Praktikum durchgeführt. Die Vermittlungszahlen zeigen, dass sich dieser Ansatz lohnt, die Betriebe übernehmen die gut eingeführten Schüler gerne in die Ausbildung. Im Weiteren haben wir vor drei Jahren die Praxisorientierte Hauptschule eingeführt, hier arbeiten Handwerker verschiedener Profession in schulischen Werkstätten, sowohl im Rahmen des Arbeitslehreunterrichts als auch in Arbeitsgemeinschaften. Besonders beliebt sind die vier Wochen Lernferien, die wir an vier Schulstandorten anbieten. Sie werden von den Schülerinnen und Schülern freiwillig besucht.

Halten Sie eine engere Verzahnung von Schule und Wirtschaft für notwendig und richtig?

Ebeling: Die Zusammenarbeit zwischen Schule und Wirtschaft halte ich für unverzichtbar. Die Frankfurter Schulen haben sich längst zu offenen Schulen entwickelt und eine Vielzahl von Kooperationen zu Unternehmen in unserer Stadt aufgebaut. Als erfolgreiches Beispiel sei an dieser Stelle der jährlich stattfindende "Girlsday" genannt, bei dem Frankfurt eine Spitzenposition einnimmt.

Sie haben als Motto einen Satz des Philosophen Kant gewählt: "Auch in schwierigen Zeiten gibt es eine gewisse Pflicht zur Zuversicht." Sollten die Bedenkenträger unserer Tage mehr Kant lesen? Haben Sie selbst eine gewisse Neigung zur Zuversicht?

Ebeling: Ja. Ich bin ein zuversichtlicher Mensch und betrachte Zuversicht als wichtige Botschaft gerade an junge Menschen in ihrer Identitätsfindung. Zuversicht schließt berechtigte Bedenken nicht aus, aber weist auf einen Ausweg, auf die Lösung der Probleme.
Foto: Ebeling
Jutta Ebeling, 1946 in Streitberg/Oberfranken geboren, ist seit Juli 2006 Bürgermeisterin der Stadt Frankfurt am Main und Dezernentin für Bildung und Frauen. Dieses Dezernat leitet sie mit veränderten Zuständigkeiten bereits seit 1989. Jutta Ebeling war nach Abitur, Staatsexamen und Referendariat an der Wöhlerschule von 1974 bis 1989 Lehrerin an der Integrierten Gesamtschule Mörfelden-Walldorf, in Rüsselsheim, Groß-Gerau und an der Carl-Schurz-Schule Frankfurt am Main.