Karl-Heinz Huth – der neue Chef der Agentur für Arbeit Frankfurt

Aktive Arbeitsmarktpolitik für die Rhein-Main-Region: Herausforderungen und Handlungsfelder

Die Agentur für Arbeit Frankfurt bekommt am 1. August 2010 einen neuen Chef: Karl-Heinz Huth wurde als Vorsitzender der Geschäftsführung berufen und übernimmt die Leitung einer der größten deutschen Arbeitsagenturen von Volker Erhard, der in den Ruhestand tritt. Der 52-jährige neue Agenturleiter hatte zuletzt die Funktion des Bevollmächtigten SGB III bei der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit inne und war vorher Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Koblenz. Seine Arbeitsmarktpolitik gilt als sehr erfolgreich. Koblenz hat eine Spitzenposition in Rheinland-Pfalz/Saarland mit der geringsten Arbeitslosigkeit. „Denken und Handeln in Netzwerken“, ist ein Erfolgsprinzip von Karl-Heinz Huth, dem er auch in Frankfurt treu bleiben möchte: "Ohne Netzwerke sind keine Innovationen und Fortschritte zu erzielen."
Herr Huth, Ihre Jahre in Koblenz waren durch den Reformprozess der Bundesagentur geprägt. Welche Erfahrungen und Erkenntnisse haben Sie in dieser Zeit gewonnen?

Karl-Heinz Huth: Wir hatten zwei große Reformen. Einmal die Einführung des Sozialgesetzbuches II (SGB II), die mit dem nicht immer positiv verstandenen Begriff "Hartz-Reformen" verbunden ist. Die Bürger assoziieren damit Leistungskürzungen und Abbau des Sozialstaates. Mit dem SGB II wurde tatsächlich die lange Jahre von allen Seiten geforderte Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zum Jahresbeginn 2005 vollzogen. Wir hatten in Koblenz gut funktionierende Arbeitsgemeinschaften. Die gute und kooperative Zusammenarbeit mit der Stadt war von gegenseitigem Vertrauen geprägt und hatte die gleiche Zielsetzung, nämlich die Situation für die Menschen der Region auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt zu verbessern. In diesem Sinn haben sich die Arbeitsagentur und die ARGE als Dienstleister für die Menschen und die Betriebe in der Region etabliert.

Das Kundenzentrum war eine Erfolgsgeschichte, die uns sehr viel Anerkennung auch bei den Bürgern und den Arbeitgebern eingebracht hat. Bei den Kundenbefragungen haben wir sehr gute Bewertungen erhalten. Gute, nicht befriedigende oder ausreichende Noten von Menschen in einer schwierigen Situation, wenn sie von Arbeitslosigkeit betroffen sind, das spricht für die Leistung der Mitarbeiter/-innen der Bundesagentur.

Bewährt hat sich die intensive Arbeit in Netzwerken, die ich für jede Arbeitsagentur und für jede Wirtschaftsregion als wichtig erachte. Durch die Netzwerkarbeit konnten die eingeleiteten Reformen eine bessere Wirkung entfalten. Ohne Netzwerke sind keine Innovationen und Fortschritte zu erzielen.

Die Fortschritte können an einer Kennziffer festgemacht werden: Sie haben in dieser Zeit die Dauer der Arbeitslosigkeit in etwa halbiert. Damit korrespondiert die Absenkung des Beitragssatzes zur Arbeitslosenversicherung bzw. Arbeitsförderung von ursprünglich 6,5 auf aktuell 2,8 Prozent.

Huth: Die schrittweise Änderung des Beitragssatzes ist sicherlich eine signifikante Kennziffer. Aber ehrlicher Weise muss man sagen, dass diese Entwicklung nicht allein durch den Reformprozess innerhalb der Bundesagentur möglich war, sondern auch durch wirtschaftlich günstige Rahmenbedingungen in Verbindung mit einer kürzeren Leistungsbezugsdauer beim Arbeitslosengeld. Nicht heruntergefahren wurde die Förderung der Menschen, um ihnen die Möglichkeit einer schnellen beruflichen Wiedereingliederung zu geben. Bei einer Prognose von drei Millionen Arbeitslosen für 2011 und vor dem Hintergrund der Milliarden, die die Bundesagentur in die Kurzarbeit investiert hat, wird ein Beitragssatz von 2,8 Prozent nicht voll ausreichen, um alle Aufgaben zu bewältigen. Er müsste leicht  höher liegen, damit die Bundesagentur ihre Stärke, nämlich unabhängig Lösungen zu entwickeln, zur vollen Entfaltung bringen kann – ohne Abhängigkeit von einem Bundeszuschuss. Während die Sozialabgaben in anderen Bereichen gestiegen sind, hat die BA eine Absenkung erreicht – eine enorme Leistung, auf die alle stolz sein können.
Wo sehen Sie die besonderen Herausforderungen des Arbeitsmarktes der Metropolregion Rhein-Main?

Huth: Lassen Sie mich an das Besprochene direkt anknüpfen. Durch die Reformen ist die Arbeitsverwaltung in Frankfurt sehr gut aufgestellt. Die Agentur für Arbeit und die Rhein-Main Jobcenter GmbH als gemeinsame Einrichtung arbeiten auf einem hohen Leistungsniveau in funktionsfähigen Strukturen. Diese Tatsache und die erfahrenen Mitarbeiter/-innen sind für mich die besten Voraussetzungen zur Bewältigung der Herausforderungen, denen wir uns täglich neu stellen müssen. Stillstand ist Rückschritt, wir wollen aber Fortschritt im Interesse der Menschen und der Betriebe.

Die Metropolregion Rhein-Main hat eine völlig atypische Beschäftigungssituation. Baden-Württemberg etwa ist durch die Automobil und Zulieferindustrie geprägt. In der Stadt Frankfurt liegt der Anteil der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe bei unter 10 Prozent. Andere Agenturbezirke haben Quoten jenseits der 40 und 50 Prozent. Durch den starken Dienstleistungssektor hat sich die Rhein-Main-Region als krisenresistenter gegenüber anderen erwiesen.

Frankfurt hat mit den höchsten Anteil der höher qualifizierten Beschäftigten. Eine moderne Wissensgesellschaft muss in die Köpfe, in die Bildung investieren. Das ist für Frankfurt besonders wichtig, damit die Arbeitsplätze in den Unternehmen nicht nur durch Pendler besetzt werden. Wir brauchen die Einpendler, müssen aber auch die jungen Leute, die in der Stadt und der unmittelbaren Umgebung wohnen, zu einer Qualifizierung führen, die von den Unternehmen nachgefragt wird.

Den hohen Anteil der ausländischen Bevölkerung betrachte ich als Herausforderung und Chance in einem international agierenden Wirtschaftsumfeld. Migrationshintergrund mit Qualifikationsdefiziten gleichzusetzen, ist ein Vorurteil, das in vielen Fällen nicht stimmt. Jugendliche, die in der zweiten und dritten Generation hier leben, sind im Bildungsbereich nicht immer benachteiligt. Unabdingbare Voraussetzung ist die Beherrschung der deutschen Sprache als wichtigste Basis für eine berufliche Qualifizierung und eine Integration in den ersten Arbeitsmarkt. Mit vielen Projekten ist Frankfurt auf einem sehr guten Weg.
Welche persönlichen Ziele haben Sie in Ihrer neuen Position?

Huth: Ich möchte zunächst sagen, dass ich mich auf diese neue Aufgabe und die spannende Herausforderung sehr freue. Ganz vorne steht für mich das Motto: "Kein Jugendlicher darf verloren gehen." Jedem Jugendlichen müssen wir durch Qualifizierung von der vorschulischen Erziehung über die Schule bis in den Beruf hinein die Möglichkeit geben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und ein Einkommen zu erzielen, das zum Lebensunterhalt reicht. Dazu ist es für mich unerlässlich, dass wir in Frankfurt in einer "Jugendberufsagentur" alle Ressourcen und Kompetenzen zusammenführen und bündeln. Alle Partner – Arbeitsagentur, Rhein-Main Jobcenter, Jugendhilfe, Sozialhilfe, Bildungsberatung, Schulen und andere Einrichtungen – sollen gemeinsam daran arbeiten, dass der Jugendliche nach der erfolgreichen Schulausbildung auch einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz bekommt. Dies ist eine ganz große Herausforderung. Die Angebote müssen entsprechend flexibel sein. Es ist nicht zielführend, einem schulmüden Jugendlichen dann in einer berufsbildenden Schule wieder jeden Tag in einem Klassenzimmer Frontalunterricht anzubieten. Hier sind Unterrichtsmethoden erforderlich, die auch betriebliche und praktische Elemente vermitteln. Dafür gibt es in Hessen und besonders in Frankfurt sehr gute Ansätze.

Das zweite Feld ist die Erwerbsbeteiligung der Älteren. Es kann nicht angehen, dass teilweise in den Regionen jeder dritte Arbeitslose über 50 ist und gesagt wird, es gibt keine Perspektive mehr. Die älteren Menschen dürfen nicht mit Sozialplänen aus den Betrieben entlassen werden, sondern man muss über moderne Personalpolitik ihre Beschäftigungsfähigkeit erhalten, durch ein Gesundheitsmanagement, durch berufliche Weiterbildung und durch flexible Arbeitszeitmodelle. Hier sehe ich einen meiner Schwerpunkte, mit dem Arbeitgeberservice und mit Unterstützung der Beauftragten für Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt die moderne Personalpolitik in den Betrieben weiter zu verankern. Das Thema sind die demografischen Herausforderungen, denn der Trend, dass die Gesellschaft altert, ist unaufhaltsam. Darauf müssen wir uns einstellen und in den Unternehmen moderne, zielgerichtete Konzepte entwickeln, um die Menschen intelligent weiter zu beschäftigen und die Übergänge in den Altersruhestand besser zu gestalten als das heute der Fall ist.
Ein weiteres Stichwort: die Alleinerziehenden.

Huth: Das ist die dritte Gruppe. Hier ist das Fallmanagement besonders gefordert und muss die ganze persönliche Lebenssituation betrachten und analysieren. Nach meinem Eindruck wird der Sachverhalt oft auf die Regelung der Kinderbetreuung verkürzt, aber die Lebenslagen sind meist doch viel komplexer. Die ganzheitlichen Ansätze für die Betreuung von Alleinerziehenden gibt es selbstverständlich in Frankfurt. Es gilt sie zu optimieren und zu intensivieren, dann wird auch die Zahl der arbeitslosen Alleinerziehenden deutlich zurückgehen.
Ist der fehlende Schul- und Berufsabschluss also häufiger das Haupthindernis für eine Integration als der fehlende Kinderbetreuungsplatz?

Huth: Qualifizierung hat für diese Zielgruppe hohe Priorität. Ich begrüße ausdrücklich die Initiativen in Hessen, z. B. die Qualifizierungsangebote im Bereich der Altenpflege oder die Kampagne im Erzieherbereich. Das sind ohnehin die Berufsfelder mit dem höchsten Anteil weiblicher Beschäftigter. Auf diese beiden traditionellen Bereiche dürfen wir uns nicht beschränken, sondern auch in Chemieunternehmen, im Bankensektor und in den Dienstleistungsbereichen brauchen wir eine intelligente Arbeitszeitgestaltung und eine – ich wiederhole mich – ständige Qualifizierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie ist immer noch die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit.
Wo sehen Sie die Ansatzpunkte, aktiv zu handeln und nicht nur reaktiv tätig zu werden, wenn sich die Menschen arbeitslos melden?

Huth: Ich nenne als Beispiel den Arbeitgeberservice in der Agentur für Arbeit und beim Rhein-Main Jobcenter. Mein Ziel ist es, dass der Arbeitgeberservice mit Personal in beiden Einrichtungen weiter besteht, aber eine enge Zusammenarbeit mit gemeinsamen Leitlinien organisiert wird, um beispielsweise ein Produkt in die Betriebe zu bringen – auch gemeinsam mit Kammern, Volkshochschulen und Qualifizierungsträgern, wenn es um die Weiterqualifizierung der Beschäftigten geht. Ich habe das Ziel, dass sich diese Partner vernetzen und gemeinsam den Unternehmen Beratung zu den Weiterbildungsmöglichkeiten anbieten. Den Bedarf sehe ich weniger bei den großen Unternehmen, die in der Regel eigene Abteilungen für Personalentwicklung haben, sondern mehr bei den kleinen und mittelständischen Betrieben, die externe Unterstützung für diese Prozesse brauchen. Es geht darum, Menschen in den Betrieben zu halten und mit dem verfügbaren Arbeitskräftepotenzial auch weiterhin auf den Weltmärkten konkurrenzfähig zu bleiben. Der Fachkräftemangel darf nicht zur Wachstumsbremse werden.
Haben Sie das Ziel, den "Marktanteil" der Arbeitsagentur zu erhöhen? Wie möchten Sie auch den kleinen und mittelständischen Betrieb erreichen, der nicht permanent Personalbedarf hat und nicht gewohnt ist, mit der Arbeitsagentur zusammenzuarbeiten?

Huth: Marktanteile sind kein Selbstzweck, ich denke, wir werden unserem Auftrag am besten gerecht, wenn wir die Betriebe dann beraten und unterstützen, wenn sie in einer Bedarfslage sind. Das kann die Besetzung eines Ausbildungsplatzes oder einer Arbeitsstelle sein, das kann aber auch die qualifizierte Beratung in Krisenzeiten sein, etwa im Bereich der Kurzarbeit. Wir haben nur einen Bruchteil der Beschäftigten in der Kurzarbeit qualifizieren können. Da hätte ich mir seitens der Betriebe mehr gewünscht. Hier sehe ich die gemeinsame Aufgabe der Arbeitsagentur und der Jobcenter, mit den Betrieben spezielle Hilfen und Lösungen zu entwickeln. Hier ist Beratungskompetenz gefragt. Ein anderes Beispiel ist das Ausbildungsmanagement, eine Leistung zur Unterstützung von Betrieben, um ihnen im Vorfeld der Rekrutierung von Auszubildenden viele Regularien abzunehmen. Dafür gibt es auch die Ausbildungsberater der Handwerkskammer und der IHK. Ich sehe hier aber auch eine gemeinsame Aufgabe für den Arbeitgeberservice, die Berufsberatung und die Ausbildungsberater. Wir müssen stärker in Netzwerken denken und handeln.

Der dritte Punkt ist die fortlaufende Information der Betriebe über die Möglichkeiten und Leistungsangebote der Arbeitsagentur und der Jobcenter. Gerade kleinen und mittelständischen Betrieben, die nicht fortlaufend Personalbedarf haben und eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur gewohnt sind, müssen wirunser Leistungsangebot vorstellen, damit sie es im Bedarfsfall nutzen können. Es versteht sich von selbst, dass wir auch für die "KMU" da sind, wenn sie uns brauchen. Ich habe das ganz klare Ziel, durch eine strategische Akquise einen hohen Anteil von Ausbildungsstellen zu bekommen, um den Ausbildungsmarkt transparent zu machen. Der Arbeitgeber soll dann entscheiden, ob er die Unterstützungsleistung durch unsere Vermittler in Anspruch nehmen will oder ob ihm eine Veröffentlichung von freien Ausbildungsplätzen in der kostenneutralen Internet-Jobbörse der Bundesagentur ausreicht. Der Wettbewerb um Bewerber wird intensiver, das ist eine Tatsache. Es liegt im Interesse der Betriebe wie der Bewerber, wenn wir möglichst viele Ausbildungsstellen und Arbeitsplatzangebote in der Jobbörse haben.
Die Betriebe klagen, dass sie keinen geeigneten Bewerber finden, insbesondere bei den Ausbildungsstellen.

Huth: Das ist nicht wirklich neu. Wir sind selbstverständlich gut beraten, die Erfahrungen der Betriebe nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Aber vergessen dürfen wir auch nicht, dass sich die Verhältnisse geändert haben, die früheren Lehrwerkstätten in großen Industriebetrieben mit Meistern, die sich um die Ausbildung gekümmert haben, gibt es kaum noch. Dass sich in Handwerksbetrieben die "Chefin" um den Auszubildenden kümmert und ihm hilft, ist der absolute Ausnahmefall. Es nützt nichts, der alten Situation nachzutrauern, wir müssen uns auf die Realitäten von heute einstellen. Ein Lösungsansatz ist für mich die engere Zusammenarbeit von Schule und Wirtschaft. Konkret geht es um die Betriebspraktika und ihre Steuerung. Verantwortliche Koordinatoren in den Schulen sollten die Jugendlichen begleiten, die sich nicht durch gute Schulnoten auszeichnen, aber vielleicht praktische Fähigkeiten haben. Hessenweit unterstützen 150 Berufseinstiegsbegleiter diese Prozesse. Als Arbeitsagentur finanzieren wir die Ausbildungsbegleitenden Hilfen (abH), ein Stützunterricht, den Jugendliche mit Theorieschwächen vom Beginn ihrer Ausbildung an in Anspruch nehmen können. Das ist auch ein Beispiel, wie wir gestaltend und aktiv wirken können.
Noch einmal zusammenfassend gefragt: Wie wollen Sie dem sich abzeichnenden und teilweise schon realen Fachkräftemangel begegnen?

Huth: An erster Stelle steht die sehr gute schulische und betriebliche Ausbildung der Jugendlichen, also Fachkräftesicherung durch Ausbildung. Zweitens müssen wir die vorhandenen Ressourcen und Potenziale nutzen, das betrifft die Beschäftigten in den Betrieben und ihre Weiterbildung – Fachkräftesicherung durch Qualifizierung. Drittens brauchen wir die erhöhte Erwerbsbeteiligung der Frauen, auch in den mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Berufen. Es geht also um Fachkräftesicherung durch moderne Arbeitszeitsysteme. Viertens halte ich es für erforderlich, das Leistungspotenzial der lebens- und berufserfahrenen Älteren besser zu nutzen, d. h. Fachkräftesicherung durch Verzicht auf Frühverrentung über Sozialpläne und Altersteilzeitmodelle. Es geht bei all dem um einen Bewusstseinswandel, das ist ein schwieriger Prozess, aber wir sind nach meiner Überzeugung auf einem guten Weg des Erkenntnisfortschritts. Es fällt immer noch leichter, eine Investitionsentscheidung für Maschinen zu treffen als für das, was wir mindestens ebenso brauchen: Investitionen in Köpfe.
In Zeiten knapper Kassen wird vieles in Frage gestellt. Pflichtleistungen sollen Ermessenleistungen werden. Worauf müssen sich Arbeitgeber einstellen?

Huth: Zunächst muss die Politik entscheiden, was sie will. Die Bundesagentur hat zu den Sparvorschlägen des Kabinetts eine Stellungnahme vorgelegt, in der die Auswirkungen aufgezeigt werden. Die Betriebe mussten auch bisher bei den Eingliederungszuschüssen mit dem Arbeitgeberservice verhandeln, um die Höhe die Minderleistung bezogen auf den konkreten Arbeitsplatz und den Ausgleich durch einen Zuschuss festzustellen. Das ist nichts Neues. Die Betriebe haben auch bisher mit den Arbeitsagenturen und den Jobcentern verhandelt, wenn es um Zuschüsse im Bereich der Weiterqualifizierung ging. Bestimmte rechtliche Ansprüche – z. B. das Kurzarbeitergeld – werden sicher nicht in Ermessensbereiche überführt. Bei der Prüfung der gesetzlichen Voraussetzungen gab es auch bisher schon Verhandlungen mit den Betrieben. Bei den Vorschlägen, die zu den Ermessensleistungen diskutiert werden, sehe ich nicht das Einsparvolumen im Milliardenbereich. Man kann natürlich darüber diskutieren, die Bundesagentur von Leistungen zu entlasten, die nicht im Portfolio der Versichertengemeinschaft stehen und gegenwärtig aus Beitragsmitteln statt aus Steuermitteln finanziert werden. Dazu zähle ich das Nachholen des Hauptschulabschlusses oder die Existenzgründungszuschüsse.  Beitragsmittel oder Steuergelder – diese Frage kann man auch beim Kurzarbeitergeld stellen.
Die Verfassungsänderung schafft jetzt Klarheit über den Fortbestand der Jobcenter. Begrüßen Sie diese Entscheidung?

Huth:
Ich begrüße ganz klar die Regelung, die es ermöglicht, die gemeinsamen Einrichtungen fort  zuführen. Ich glaube, dass man die Kompetenzen und Stärken der kommunalen Seite gemeinsam mit der Bundesagentur im Interesse der Menschen und der Betriebe nutzen muss. Bei einem Vergleich der Systeme wünsche ich mir, dass weniger darauf geachtet wird, wer was besser macht, ob die Arbeitsagenturen, die Jobcenter oder die Optionseinrichtungen Vorteile bringen. Vielmehr sollten wir unseren Fokus darauf richten, wie wir das alle gemeinsam besser machen können. Das will der Bürger wissen. Für die Menschen und die Betriebe ist es sekundär, ob ein kommunaler Träger in einer gemeinsamen Einrichtung oder als Optionskommune tätig ist. Die Agentur für Arbeit Frankfurt ist über die Rhein-Main Jobcenter GmbH für die Stadt Frankfurt hinaus auch im Wetteraukreis, im Landkreis Offenbach, im Main-Taunus- und im Hochtaunuskreis betroffen. Wenn kommunale Träger die Verwaltung des SGB II in einer Option wahrnehmen und die Langzeitarbeitslosen in alleiniger Zuständigkeit betreuen wollen, ist diese Entscheidung zu akzeptieren. Gemeinsame Controllingsysteme zeigen die Ergebnisse auf. Worauf wir achten müssen: Die Menschen und die Betriebe dürfen nicht unter den veränderten Strukturen leiden. Wir müssen auch auf Optionskommunen zugehen, um gerade bei der Qualifizierung für die Betriebe gemeinsam etwas zu bewegen.
Von "Krise" haben wir jetzt kaum gesprochen!

Huth:
Ja, ich weiß, dass die Finanzkrise immer wieder kommen kann und dass es deshalb die Aufgabe der politisch und gesellschaftlich Verantwortlichen ist, dafür zu sorgen, dass diese Finanzkrisen möglichst vermieden bzw. in ihren wirtschaftlichen Folgen beschränkt werden. Ich denke und handle nach dem Prinzip, optimistisch an die Dinge heranzugehen und jeden Tag zu fragen, wie ich etwas positiv gestalten kann. Mit Klagen und Jammern werden wir nicht Fußballweltmeister und nicht Exportweltmeister. Mit dieser Einstellung können wir die Welt nicht positiv verändern. In der chinesischen Sprache steckt in dem Wort "Krise" auch Chance, und die sollten wir suchen und nutzen!
Foto: Huth
Karl-Heinz Huth, ab 1. August 2010 Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Frankfurt, Jahrgang 1958, verheiratet, ein erwachsener Sohn. Karl-Heinz Huth hat nach dem FH-Studium seine berufliche Laufbahn bei der Bundesagentur für Arbeit begonnen und Positionen in Neuwied, Montabaur und Koblenz - zuletzt als Chef der Agentur - bekleidet, er war in den Regionaldirektionen Rheinland-Pfalz/Saarland und Hessen sowie in der Zentrale der Bundesagentur für Arbeit tätig. Karl-Heinz Huth hat zusätzlich ein Studium der Betriebswirtschaft absolviert. Seinen Heimatwohnsitz im Westerwald will er vorerst beibehalten: "Ich bin jetzt einer von fast 400.000 Einpendlern, die täglich nach Frankfurt kommen. Aber mit dem Herzen bin ich ganz beim Arbeitsmarkt der Rhein-Main-Region, so wie ich es früher in Koblenz war."